Reisebericht "Roald Amundsen" | ||
| Reise Nr. | Törn | Reisedauer von - bis |
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![]() 14.04.2003 | Letzter Hafentag in Zeebrugge, morgen geht´s wieder weiter. 15.04.2003 | "Schiffe gehen auf See kaputt - Mannschaften im Hafen!". 16.04.2003 | Nachdem wir nun gestern Mittag gegen 13 Uhr Bordzeit den Hafen von Zeebrugge verlassen hatten . . . 17.04.2003 | Seit nunmehr 24 Stunden kommt der Wind beständig aus ENE mit um die 5 Windstärken, 18.04.2003 | Eigentlich - so der Plan unseres Käptns - wollten wir nämlich das das Kap von Skagen runden, 19.04.2003 | Gegen 15 Uhr heute waren wir jedenfalls fest in Helgoland. 20.04.2003 | Hafentag auf Helgoland. 21.04.2003 | Tobi: "Ich habe für ALLE Wegepunkte samt und sonders Fahrwassertonnen genommen." . . . . . Die Tagespresse: "Der Navigator war gut, er hat die Tonnen genau getroffen." 22.04.2003 | Als alle Segel um kurz vor 12 oben sind, frischt der Wind auf, die ‚Roald' legt sich ein bißchen auf die Seite und nimmt Fahrt auf, immerhin 6,5 Knoten, Kurs 350° in Richtung kleiner Belt. 23.04.2003 | Zensur. 24.04.2003 | Gegen 16 Uhr waren wir dann fest in Eckernförde. |
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Montag 14.04.2003 Tagesmeldung von 13.04.2003 1200 Bordzeit bis 14.04.2003 1200 Bordzeit Ahoi Zuhause! Nachdem Anke gestern abgereist ist - schadö! - wird seit gestern Abend wieder nach Herzenslust zu viel Klopapier verbraucht, geradezu freche Mengen Honigs in alle Möglichen Getränke geschüttet und es herrscht wieder Pressefreiheit auf diesem Schiff. Jawoll! J Letzter Hafentag in Zeebrugge, morgen geht´s wieder weiter. War sonst nochwas? Ach ja: Gestern Abend sind wir ein bisschen um die Häuser gezogen und am Ende ganz zufällig alle in einem "Restaurant mit Barbetrieb" gelandet. Entgegen aller anderslautenden Meinungen: Mögen die Belgier auch Bier aus allem Möglichen brauen, was bei uns vielleicht in der Altkleidersammlung landet - es war ausgesprochen lecker und es hat schwindelig gemacht. Braucht man mehr? Jetzt muss ich noch etwas Positives über unsere Nachbarn sagen: Also, SO ein Wetter haben wir bei uns aber nicht. In England mussten wir unsere Cocktails noch mit einem kleinen schwarzen Regenschirmchen trinken, und hier brät uns die Sonne den Verstand aus dem Kopp. Also ehrlich! Hallo? Wir haben April!!! Ansonsten haben wir heute Nachmittag für die neuen Trainees eine Segeleinführung absolviert. Dabei wurde auch gleich eine Sicherheitseinweisung durch die Stammbesatzung vorgenommen, das Dingi wurde probehalber zu Wasser gelassen und wir haben eine Feuerschutzübung durchgeführt. Morgen Mittag zwischen 13 und 14 Uhr laufen wir aus. Die Stimmung an Bord ist nach wie vor ausgezeichnet, und die neuen Trainees können es gar nicht erwarten, bis es losgeht. And so am I! Viele Grüsse vom 3. Steuermann Tobi |
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Dienstag 15.04.2003 Tagesmeldung von 14.04.2003 1200 Bordzeit bis 15.04.2003 1200 Bordzeit Aloha allerseits! Den heutigen Tagesbericht möchte ich mit einem Zitat unseres welterfahrenen Ausnahmekapitäns Ulli beginnen: "Schiffe gehen auf See kaputt - Mannschaften im Hafen!" Wie Recht er doch hat. Seit gestern Abend nun sind wir wieder komplett, und alle neuen Trainees wurden den 3 Wachen zugeordnet, wobei ein kleines Namensproblem gewahr wurde: Die Wahrscheinlichkeit, sein Gegenüber mit Andreas anzusprechen und damit auch noch voll ins Schwarze zu treffen, liegt mit etwa 1:7,25 etwa vier mal so hoch, wie die Wahrscheinlichkeit, mit irgendeinem anderen Namen einen ähnlichen Erfolg zu erzielen. Vorher, in der ersten Überfahrt Plymouth-Zeebrugge - und das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen - war der Name Tobias der häufigste von allen auf dem Schiff! Der kam gleich doppelt so oft vor, wie alle anderen Namen... Aber egal. Natürlich gab´s, da wir heute noch auslaufen wollen, einiges zu tun an Bord: Neben dem Wach- und dem Kammerbelegungsplan wurden auch noch die Sicherheitsrollen eingeteilt, Reinschiff gemacht, und neben einer Riggeinweisung gab es dann heute Morgen gleich nach dem Frühstück die Sicherheitseinweisung inklusive Probe des Generalalarmes. Der Wind weht im Moment aus ESE mit etwa 4 Windstärken. Für die Nichtsegler unter Euch: Das ist ganz OK, wenn man, sagen wir mal, zu den Shetlands oder zurück in Richtung Biscaya fahren will, für den Nachhauseweg kommt der Wind ein kleines bißchen zu doll von vorne. Wir werden daher - wenn das so bleibt - so weit wie möglich nach Nordosten zu laufen und dabei die Gesetze der Aerodynamik zu überlisten versuchen. Fest steht, daß wir die nächsten Tage auf See verbringen werden, und die meisten von uns scharren nach den drei Tagen im Hafen jetzt schon wieder mit den Hufen. Genau wie Euer 3. Steuermann Tobi (noch...) |
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Mittwoch 16.04.2003 Tagesmeldung von 15.04.2003 1200 Bordzeit bis 16.04.2003 1200 Bordzeit Wieder Unterwegs. Nachdem wir nun gestern Mittag gegen 13 Uhr Bordzeit den Hafen von Zeebrugge verlassen hatten, begannen wir gegen 16 Uhr auf Position 51°41,3'N ^ 003°07,3'E alle Segel zu setzen, obwohl Flaute herrschte (oder zumindest nicht nennenswerter Wind). Aber dann passierte etwas völlig Unerwartetes: Als alle Tücher (bis auf die Stagsegel zwischen den Toppen hatten wir alles gesetzt) oben und vernünftig an den Wind gebracht waren, brieste der Wind von einer Sekunde auf die andere auf etwa 5 Beaufort auf, die Roald legte sich ein bisschen auf die Backe und pflügte mit 5 oder 6 Knoten durch's Wasser. Ich meine, ich konnte eine kleine Träne der Rührung im Augenwinkel unseres Kapitäns sehen. Bis heute Mittag konnten wir einen Kurs von etwa Nord bis Nordost halten, was viel mehr als erwartet ist, denn wir müssen keine Manöver fahren. Die Nachtfahrt war auch wieder unglaublich: Sternklar, fast Vollmond und ab und zu trieben ein paar Schweinswale ihre Spielchen mit uns. Dies alles zusammengenommen war so unglaublich schön, dass ich streckenweise dachte, irgendwer will uns... Position heute Mittag war 53°03,8'N ^ 003°39,8' E, das Tages-etmal betrug 115 nm. Die Nordsee gleicht dabei einer Badewanne. Sehr angenehm das alles... 1. Steuermann in spe Tobi (gewöhnen wir uns doch ruhig schon mal daran... ) |
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Donnerstag 17.04.2003 Tagesmeldung von 16.04.2003 1200 Bordzeit bis 17.04.2003 1200 Bordzeit Unter Segeln. Seit nunmehr 24 Stunden kommt der Wind beständig aus ENE mit um die 5 Windstärken, und wir erleben eine wunderschöne Rauschefahrt. Aber ist die Windstärke auch zum Segeln ideal, so ist die Richtung so optimal leider nicht, kommt der doofe Wind doch genau daher, wo wir hinwollen. Aber ich will gar nicht rumunken - eine Flaute wäre ungleich schlimmer. In der vergangenen Nacht haben wir diverse Verkehrstrennungsgebiete (für die Nichtsegler: Das sind die Autobahnen der Meere, und wenn man sie in falscher Richtung oder sonstwie bekloppt befährt, ist man nicht nur im Handumdrehen Hauptdarsteller im Verkehrsservice, sondern auch gleich eine ganze Stange Knatter los) gekreuzt - natürlich ordnungsgemäß - oder sonstwie hinter uns gelassen. Wer die holländische Küste ein bisschen kennt, weiss, dass sie voll mit den Dingern ist... Von Süden kommend queren wir also gestern gegen 17 Uhr das VTG West Friesland, die Position um 17 Uhr ist 53°22'N ^ 003°41'E. Eigentlich müssen wir Raum nach Nordosten gut machen, für die Querung des VTG fallen wir auf 295° ab. Danach konnten wir dann aber wieder unserem alten Kurs folgen. Später dann um 0 Uhr kreuzten wir dann noch das letzte und nördlichste VTG Off Botney Ground, und nun fahren wir fernab des Berufsverkehrs einen Kurs ziemlich genau nach Norden aber leider 120 Meilen von den nordfriesischen Küste entfernt. Um 10 Uhr stehen wir auf 54°45'N ^ 003°52,4'E, falls da wer eine Karte mitzeichnet. Kurs über Grund diesem Zeitpunkt ist etwa 020°. Dritter Steuermann Tobi (hoffentlich morgen auch noch, sieht nicht gut aus gerade...) |
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Freitag 18.04.2003 Tagesmeldung von 17.04.2003 1200 Bordzeit bis 18.04.2003 1200 Bordzeit
Was bisher geschah: Wir liefen ja am gestrigen Tage den ganzen lieben langen Tag lang unter Segeln. Kurs war dabei mehr oder weniger 010°. Gegen kurz 1520 fuhren wir dann noch ein Boje-über-Bord-Manöver. Die Mittagsposition lag auf 54°54'N ^ 003°57'E, die Abendposition um 18 Uhr auf 55°17'N ^ 003°51'E. Da der Wetterbericht keine Drehung des Windes vorhersagte und zufälliger- wie dummerweise die Färöer leider nicht auf unserem Weg nach Eckernförde liegen, beschlossen wir - naja, eigentlich werde zumindest ICH nicht großartig nach meiner Meinung gefragt - den Trecker anzuwerfen und ein bißchen nach Osten zu schieben, so daß wir heute morgen um 8 Uhr auf Position 55°54'N ^ 005°27'E standen, wo wir dann wieder Segel setzten und die Reise in Richtung Helgoland fortsetzten. Mittagsposition war 55°42'N ^ 006°08'E. Eigentlich - so der Plan unseres Käptns - wollten wir nämlich das das Kap von Skagen runden, um einen der zahlreichen Belte runterzureiten. Tja, daraus wird wohl nix mehr. Schade, das. War sonst noch was? Ach, ja: Gestern spielten wir auf Anregung einiger Besatzungsmitglieder das ‚Mörderspiel'. Wie das geht? Ganz einfach: Jeder zieht ein Los, und auf dem steht dann entweder ‚Opfer' (28 Lose) oder ‚Mörder' (1 Los). Der Mörder muß nun möglichst unauffällig die Besatzung abmurksen, ohne daß ihm dabei jemand auf die Schliche kommt. Die Gemurksten tragen sich mit Tatzeit- und -ort auf einer Liste am Niedergang zur Messe ein. Naja, wie im richtigen Leben halt. Das klingt öde? Wenn Sie wüssten! Als erstes hatte ich meinen Kajütenmitbewohner Bruhns (Name aus datenschutzrechtlichen Gründen zum Teil bis zur Unkenntlicheit verstümmelt) in Verdacht, als er während meines Schönheitsschlafes (bringt eh nix mehr...) eine doch relativ spendable und nicht minder penetrante Menge 8x4 über seinen Körper verteilte. Eine zeitlang dachte ich dann, es könnte auch K.R. sein, der ein Feuerwerk an Witzen zündete, bei dem es einem schon mal vor Lachen die Organe zerfetzen kann, nein, wirklich! Aber auch er war unschuldig - am Abend stellte sich heraus, dass es einer unserer Schwaben war (oder Badenser, wasch weisch denn isch?). Ich weiß ja, warum ich dem Lächeln nie traue, der Schwabe/Badenser/Würtemberger/Südhannoveraner ist ja der Japaner der Deutschen, finden Sie nicht? Das Spiel war jedenfalls so irre spannend, daß heute beim allmorgendlichen Allhands (daß der Käptn eigentlich nur noch veranstaltet, um seine grimmepreisgefährdetem Reden unter die Mannschaft zu bringen) auf die Frage, ob eine neue Runde ‚Mörder' gespielt werden soll, alle ganz begeistert und sofort dafür waren, wenn man mal das gelangweilte Herumstehen mit Händen in den Hosentaschen als begeisterte Zustimmung interpretieren will. Meine Karrierebemühungen ruhen derweil ein bißchen auf Eis. Ich habe beschlossen, daß es doch ungleich pfiffiger ist, den Gegner zu beobachten und zu belauern, um dann zuzuschlagen. Wo sind seine Schwächen? (bis auf einen Kölner Akzent bisher nichts festgestellt) Ich halte Sie auf dem Laufenden. Ihr 3. Steuermann Tobi |
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Samstag 19.04.2003 Tagesmeldung von 18.04.2003 1200 Bordzeit bis 19.04.2003 1200 Bordzeit Sturmfahrt! Zwei Wochen lang Ententeich - und jetzt das hier!!! Aber der Reihe nach... Gestern liefen wir ohne besondere Vorkommnisse - abgesehen von einer Brandschutzübung mit allem drum und dran inklusive einer Einweisung der Steuerleute in die Geheimnisse der Brandmelde sowie -bekämpfungsanlage - einen Kurs von etwa 140°, jedenfalls bis abends. Der Wind frischte mehr und mehr auf, was durchaus mit der Vorhersage der Station Lingby Radio zusammenpasste, die einmal nachmittags sowie am frühen Abend jeweils eine Starkwindwarnung `raushaute. Gegen 20 Uhr liefen wir denn auch schon ohne Obersegel weiter, und gegen 22 Uhr hatten wir auch die beiden Klüver weggenommen, so daß wir nötigenfalls auch mit einem Sturm fertig würden. Der Kurs über Grund war abends dann eher sowas um 150° - 160°, mehr war einfach nicht drin. Die Nacht über habe zumindest ich kaum geschlafen. Zum einen hat es ganz schön geschaukelt, fragen Sie nicht nach Sonnenschein. Aber das ist an sich nicht so schlimm. Wenn aber ständig riesengroße Wellen gegen den Rumpf donnern, so daß es sich anhört, als ob ständig riesengroße Wellen gegen den Rumpf donnern, und wenn zudem die Koje - laut Aussage des Käptns besteht eine Zuladungsbegrenzung, die ich wohl ein bißchen überschreite, was nun ein ernstes Gespräch mit dem Smut Norbert nach sich zieht - ständig ein nöhlig-nerviges ‚miep...miep...miep...' von sich gibt, wie soll man denn dabei auch vernünftig pennen, frage ich mich?! Als ich meine Wache antrat, nahm mich der Alte zur Seite und sagte, ich solle meine Resentiments gegenüber dem ersten Steuermannes beilegen, da die Wetterlage es nicht mehr dulde, gegeneinander zu arbeiten. Es gäbe für ihn nun keine 1. und 3. Wache mehr, sondern nur noch die Besatzung der Roald Amundsen. Gegen Mittag dann tauschten der erste und ich den Bruderkuß linksherum und sind seit dem die besten Kumpels - naja, falls gerade keine anderen Kumpels in der Gegend sind... :-) Meine Wache heute morgen habe ich jedenfalls man gerade so rumgekriegt (‚gäääähhn...'). Der Wind hatte über Nacht zugenommen, heute morgen hatten wir eine satte 7 aus Ost stehen, was unserem Ziel Helgoland nicht wirklich so richtig zuträglich war. Die ‚Roald' holte ordentlich über und stampfte, daß es nur so eine Freude war. Meine Wache war mit Deckspülen dran, und glauben Sie mir - das haben wir gründlich erledigt! Unter uns gab es jedenfalls keinen, der ob des Sturmes nicht dachte: Die armen Schweine an Land - was DIE jetzt wohl machen?' Tja, was machen Sie denn gerade so? Das Geschaukel machte jedenfalls den meisten von uns nix aus, und unser Willen, das Essen drinzubehalten, blieb ebenso ungebrochen wie das Essen selbst. (Achtung: Wortspiel der Schwierigkeitsstufe 2!) Gegen 15 Uhr heute waren wir jedenfalls fest in Helgoland. Bei 7 Beaufort Madame an die Pier zu bringen, ist kein Spaß. Ohne Wind kann ja jeder Dödelkapitän, aber das hier war schon was für Fortgeschrittene, und wir haben das wirklich gut hinbekommen, trotz widriger Umstände. Dabei war uns auch die Besatzung des alten Dampfeisbrechers ‚WAL' aus Bremerhafen, der hier rumliegt, beim Leinen Annehmen behilflich. Unser Kapitän jedenfalls hielt nach dem Anlegen wieder genau eine derjenigen Reden, bei der es einem jeden von uns trotz 6°C und 7 Windstärken so richtig warm um die Herzkranzgefäße wurde... Morgen - so die weitere Planung, füttern wir dann nochmal die Fische der Elbeansteuerung, schmeissen vor Brunsbüttel nochmal den Anker raus und am Montag dann gehen wir durch den Nord-Ostsee-Kanal, um noch ein paar Haken in der Ostsee zu schlagen, die unser Empfangskommitee ein bißchen durcheinander bringen sollen. Also - halten Sie de Augen auf, rät Ihnen Ihr 3. Steuermann Tobi |
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Sonntag 20.04.2003 Tagesmeldung von 19.04.2003 1200 Bordzeit bis 20.04.2003 1200 Bordzeit Hafentag auf Helgoland. Also eigentlich wollten wir ja heute weiter in Richtung Elbe - Brunsbüttel - NOK, aber unser Käptn hat großzügigerweise einen Hafentag genehmigt, und nun ist heute die halbe Schiffsbesatzung vom Festland über den Felsen gestolpert. Gestern Abend ist schon mal eine kleine Truppe Späher ausgeschwärmt, um - sagen wir mal ganz vorsichtig - das Gastronomieangebot der Insel unter die Lupe zu nehmen. Mit dem Ergebnis, daß zumindest ich nicht mehr ganz so genau weiß, wie ich in eine Koje (und es war auch noch meine eigene) gekommen bin... Der Kapitän jedenfalls war ‚not amused'... Und ich habe gelernt, daß es noch eine Steigerung gibt, was mein Gesicht nach dem Aufstehen angeht...egal. Ihr 3. Steuermann Tobi |
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Montag 21.04.2003 Tagesmeldung von 20.04.2003 1200 Bordzeit bis 21.04.2003 1200 Bordzeit Reise! Reise! Nachdem wir gestern nun noch einen Abend auf Helgoland in Form eines Landfalls verbracht hatten - Einzelheiten erspare ich Ihnen besser - ging es dann heute Vormittag weiter in Richtung Brunsbüttel. Um 9 Uhr schmissen wir die Maschine an und legten ein Ablegemanöver hin, das so manchem Lehrbuchautor vor Freude das Gewässer in die Augen hätte treiben mögen, wie ich mal ganz sachlich und nüchtern feststellen muß. Das Wetter hat ja mittlerweile belgische Verhältnisse angenommen, so daß wir heute gemächlich, aber leider ohne Segel in Richtung Elbe dieselten, der Wind kam leider genau aus Südwest. Mittags standen wir etwa 1 nm N-lich zwischen den Fahrwassertonnen der Elbe 2 und 4, Kurs 180° Dann heute der absolute Rückschlag. Nein, es hat nichts mit dem 1. Steuermann zu tun. Mit dem bin ich gestern beim Standesamt gewesen, meinen Namen habe ich aber behalten. Der Helgoländer ist ja diesbezüglich geradezu dänisch tolerant, was kein Wunder ist: Bei so wenig Bevölkerung kann man sich es nicht leisten, wählerisch zu sein, wenn Sie verstehen, was ich meine... Nein, der Rückschlag hat etwas mit meiner bisher verdammt nochmal steilen Nautikerpraktiantenanwärterkarriere zu tun. Ich habe mir heute vom Alten meine erste Zigarre abgeholt. Schöne Scheiße! Was ich verbrochen habe? Ich sollte ins GPS-Gerät ein paar Wegepunkte eingeben, mittels derer man notfalls bei schlechter Sicht das Schiff navigieren kann. Und wissen Sie, was ich Dösi gemacht habe? Ich habe für ALLE Wegepunkte samt und sonders Fahrwassertonnen genommen. Für die Laien unter Ihnen, die in ihrem Wagen einen Navigationscomputer haben: Wenn die Programmierer Ihres Gerätes genauso bekloppt wären wie ich, würden Sie jedesmal, wenn Sie sagen wir mal Ihre Tante in Bad Salzuflen besuchen wollen und die entsprechende Adresse in den Bordcomputer eingäben, mit samt Ihrem Auto durch die Eingangstür fetzen, um kurz darauf im Wohnzimmer stehenzubleiben. Und genau dies war ich (im übertragenden Sinne) im Begriff zu tun: die ‚Roald' in irgend jemandes Wohnzimmer einparken. Das kann man getrost sowohl in Bezug auf die Karriere als auch auf das Schiff als ‚nautischen Hara-Kiri' bezeichnen. Der Alte hat mich jedenfalls danach keines Blickes mehr gewürdigt. Eben habe ich ihm schon seinen Kaffee gebracht, wie er ihn am liebsten mag, habe aber nur ein leises ‚Danke' empfangen, welches die Umgebungstemperatur um einige Grad sinken ließ. Mist! Auch mein Schleimvorrat ist begrenzt, was mach' ich denn jetzt? Ansonsten wird es Zeit, daß ich nach Hause komme. Nicht, daß ich die Zeit an Bord nicht genossen hätte, im Gegenteil! Aber diese gesunde Lebensart macht meinem Körper zu schaffen: Der Tagesablauf ist durch die Wachen geregelt. Es gibt drei opulente Malzeiten am Tag, Kaffee und Kuchen mal schön nicht mitgerechnet. Fettbilanz? Was ist das? Brennwerte? Zum Kuckuck damit! Bevor ich an Bord kam, hatte ich - das gebe ich zu - hier und da eine ‚Problemzone'. Aber durch das ausgezeichnete Essen hat mein Körper in den letzten Tagen eine Metamorphose durchgemacht, und ich fürchte, an deren Ende steht nicht, daß ich mich in einen schillernden Flattermann oder desgleichen verwandele. Es wird eher so sein, daß meine Angehörigen zu Hause mich gleich zu einem Zahnarzt schleifen werden, um mich anhand eines Gebissabdruckes identifizieren zu lassen, bevor sie mich mit nach Hause nehmen! Fehlt nur noch das T-Shirt ‚Ich bin zwei Öltanks'. Ja, lachen Sie ruhig. Also, ich finde das gar nicht komisch, Sie! Wiedersehen. Dritter Steuermann Tobi |
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Dienstag 22.04.2003 Tagesmeldung von 21.04.2003 1200 Bordzeit bis 22.04.2003 1200 Bordzeit Home, sweet home... Tja, langsam geht die Reise ihrem Ende entgegen, und irgendwie ist die Stimmung auch ein bißchen gedämpfter als sonst, finde ich. Aber ich fall' ja schon wieder mit der Tür ins Haus... Wir sind also gestern per Maschine die Elbe hochgelaufen und waren dann so gegen 16 Uhr in Brunsbüttel, wo wir sofort durchgeschleust wurden. Noch in der Schleusenkammer wechselte der Lotse, und wir tuckerten gegen 17 Uhr in den Nord-Ostsee-Kanal. Da man mit Lotse auch nachts bzw. nach Sonnenuntergang fahren darf, fuhren wir in einem Rutsch durch, und bereits um 20 nach 0 Uhr waren wir in Holtenau, gegen 1 Uhr 15 wurden wir ausgeschleust, und seitdem hat die Ostsee die "Roald" wieder. Wir sind dann nur noch auf die Heikendorfer Reede etwa 1 sm E-lich der Schleusen, Anker runter, Licht aus, Hände auf die Bettdecke. Heute morgen dann gegen 8 hieß es dann wieder "heiß auf den Anker!", und wir verließen Kiel, um noch den einen oder anderen Schlag zu segeln. Zunächst sah es nicht danach aus, denn der Wind kam mit albernen 2 bis 3 Stärken aus Richtung ENE. Die Maschinistenfraktion rieb sich daher schon die öligen Pfoten und spottete, daß man heute ja mal wieder nicht ohne sie auskommen würde.
Aber so einen Spruch läßt der Alte sich ja nicht zweimal `reindrücken: Ganz unbeirrt ordnete er das Setzen aller Segel an, was auch etwa 7sm genau NE-lich des Leuchtfeuers Kiel geschah, und jetzt kommts: Seit heute wissen wir alle - der Alte steht mit einer höheren Macht im Bunde. Als alle Segel um kurz vor 12 oben sind, frischt der Wind auf, die ‚Roald' legt sich ein bißchen auf die Seite und nimmt Fahrt auf, immerhin 6,5 Knoten, Kurs 350° in Richtung kleiner Belt. Das kommt Ihnen bekannt vor? Ganz meinerseits! Tagesziel heute Abend ist jedenfalls eine lauschige Ankerbucht irgendwo in der Nähe von Lyö, Avernakö oder Ärö. Was haben die Dänen eigentlich an den Ümläuten sö gefressen, fräge ich mich. Ihr 3. Steuermann Töbi |
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Mittwoch 23.04.2003 Tagesmeldung von 22.04.2003 1200 Bordzeit bis 23.04.2003 1200 Bordzeit Zensur. Heute war der Alte bei mir und bat mich im Hinblick auf die vorausgegangenen Tagesmeldungen darum, daß ich mich mal ein bißchen hinsichtlich der Anhäufung von Kraftausdrücken wie etwa ‚Scheiße', ‚Mist', ‚Kacke', aber auch in Bezug auf Deftigkeiten wie etwa ‚Errektion' mäßigen möge. Nun muß ich Ihnen ja nicht sagen, daß ich von Zensur wenig und es zudem für meine journalistische Pflicht halte, in meinen Tagesberichten genau den restringierten Sprachcode wiederzugeben, der im allgemeinen hier an Bord geradezu liebevoll gepflegt wird. Aber für meinen Kapitän ist mir ja keine Bitte abwegig genug, so daß ich ihm diesen Gefallen gerne tue und mich heute - aber nur heute - ein bißchen damit zurückhalte. Aber morgen, wenn ich meinen letzten Tagesbericht verfassen muß, werde ich diesen - machen Sie sich auf etwas gefasst! - mit einem vierfachen ‚F' beschließen! Nein, nicht was Sie denken. Das vierfache ‚F' steht für furios-finales Feuerwerk der Fäkalsprache! Was gibt´s sonst zu berichten? Seglerisch fuhren wir gestern den kleinen Belt an der Westküste Ärös hoch, versuchten hier noch zwischen Ärö und Lyö zwischendurch zu kreuzen, um vor der Westküste Avernakös zu ankern. Das mit dem Kreuzen hat super geklappt, eine hochmotivierte Besatzung donnerte nach den Wenden sofort wieder die Stagsegel hoch, und das ganze eingedenk dessen, daß diese in wenigen Minuten wieder runter müssen, stellen Sie sich das mal vor! Gegen 19 Uhr packten wir aber ein und sind auf den Ankerplatz per Maschine gelaufen, weil der Platz unter Segeln schwer zu erreichen gewesen wäre. Das Abendessen haben wir in der Dämmerung eingenommen, und dazu muß ich sagen, die Backschaft und der Smut sind gestern komplett durchgedreht: Also erstmal muß ich vorausschicken daß wir gegrillt haben und dazu allerlei Beilagen. Zudem hatten wir ein Geburtstagskind, nämlich Lutz. Es war mal wieder sommerlich mild, so daß einige von uns mittlerweile davon ausgehen, daß wir zwischen Plymouth und hier nicht bloß eine Zeitzonengerenze gequert haben, sondern daß irgend etwas viel Durchgeknallteres passiert ist, das sogar Stephen Hawkins einiges Kopfzerbrechen bereiten dürfte... Bitte mailen Sie uns, falls wir nicht gerade 23.April 2003 haben. Danke! Ihr 3. Steuermann Tobi |
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Donnerstag 24.04.2003 Tagesmeldung vom 23.04.2003 12 Uhr Bordzeit bis 24.04.2003 Abends Home is where my zone is... Heute nun also der letzte Tag, und eine dreiwöchige Seereise geht ihrem Ende entgegen. Nachdem wir gestern um 9 Uhr 30 den Anker hievten und unter Maschine den Ankerplatz etwa 1 Meile SW-lich des oberen Drittels von Aerö verließen, tuchten wir die Segel hafenfein auf, da zu diesem Zeitpunkt umlaufenden Winde um 1 herrschten und niemand ernsthaft mit einer Besserung dieses Zustandes rechnete. Wir liefen zunächst ein gutes Stück Kurs 270° fast in die Mitte des kleinen Beltes ab, um dann mit Kurs 185° in Richtung Eckernförder Bucht zu laufen. Als auch das letzte Segel geradezu angeberhaft gut gepackt war, kam natürlich Wind auf. Und jede andere Crew hätte es wohl bei den eingepackten Lappen gelassen, aber dann kennen Sie diese hier schlecht. Vor der Eckernförder Bucht standen etwa 3-4 Windstärken aus genau E, also hissten wir ALLE Segel nach oben, und segelten auf unseren Treffpunkt, der Nordkardinale des Mittelgrundes, wo uns den Rest des Weges in den Heimathafen einer kleine Flottillie nach Hause geleitete. Und damit nicht genug: Wir segelten nämlich bis fast vor die Hafeneinfahrt und der systematischen Bergung aller Segel, und DAS geht nur mit so einer excellenten Crew wie dieser hier. Gegen 16 Uhr waren wir dann fest in Eckernförde. Der Abend klang dann mit Käptnsdinner inklusive Kulturprogramm aus, und es wurde so dermaßen viel gelacht, daß ich sozusagen zusätzlich zu einem richtigen auch einen Humorkater habe und mich außerstande sehe, mir selbst irgend etwas Lustiges darüber abzunötigen. Deswegen laß ich es auch lieber, und schreibe statt dessen dieses: Mit dieser Besatzung und diesem Kapitän würde ich ohne weiteres über den Atlantik segeln. Ach, was red' ich? Atlantik kann jeder! Cap Horn - das geht nur mit diesen Mädels und Jungs! Und ich habe definitiv Vergleichsmöglichkeiten. So. Irgendwann muß mal Schluß sein. Und zwar jetzt. Tschüß. Tobi |
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Freitag 25.04.2003 |
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